Fusionsenergie soll stillgelegte deutsche Kernkraftwerke neu beleben
Zwei ehemalige Atomstandorte in Deutschland sollen zu Schauplätzen der Fusionsenergie-Forschung werden – eine technologische Hochrisikowette.

Deutschland hat nach der Fukushima-Katastrophe im Jahr 2011 seine Kernkraftwerke abgeschaltet. Nun sollen zwei dieser stillgelegten Standorte ein zweites Leben erhalten – als Heimat für ambitionierte Fusionsenergie-Projekte. Das Ziel: den industriellen Kern Europas zu revitalisieren und eine neue Ära sauberer Energie einzuleiten.
Hinter dem Plan stehen zwei Startups, die denselben grundlegenden Traum verfolgen: die Erschaffung eines Sterns auf der Erde, um reichlich kostengünstige und saubere Energie zu erzeugen. Die Wege, die sie dabei einschlagen, unterscheiden sich jedoch grundlegend voneinander.
Was ist Kernfusion?
Die Kernfusion funktioniert durch das Erhitzen und Komprimieren von Kernbrennstoff, um ein extrem heißes Plasma zu erzeugen. In diesem Plasma verschmelzen Atomkerne miteinander und setzen dabei Energie frei. Kraftwerke, die diesen Prozess nutzen, hätten entscheidende Vorteile gegenüber klassischen Kernkraftwerken: Sie könnten keine Kernschmelze erleiden und würden nur wenig kurzlebigen radioaktiven Abfall produzieren.
Der entscheidende Haken: Fusionskraftwerke bleiben vorerst theoretischer Natur. Die zentrale Herausforderung liegt in der Kontrolle des Plasmas – eine technisch äußerst komplexe Aufgabe. Grundsätzlich gibt es zwei Hauptansätze, um das Plasma einzuschließen und zu kontrollieren: Magnete und Laser. Deutschland setzt nun auf beide Technologien gleichzeitig.
Laser in Biblis, Magnete in Bayern
Am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Biblis im Westen Deutschlands plant das Fusions-Startup Focused Energy eine Anlage der Superlative. Dort sollen mehr als tausend Laser – jeweils rund neun Meter lang – zum Einsatz kommen. Diese Laser feuern zehnmal pro Sekunde und beschießen dabei winzige Brennstoffkügelchen. Das Verfahren wird als Trägheitsfusion bezeichnet und gilt als einer der vielversprechendsten Ansätze in der Fusionsforschung.
An einem zweiten Standort in Bayern verfolgt das Unternehmen Proxima Fusion einen anderen technologischen Weg. Das Startup plant dort den Bau eines sogenannten Stellarators – einer Vorrichtung, die das Plasma mithilfe einer gewundenen Anordnung superstarker Magnete einschließen soll. Der Stellarator gilt als eine der ausgereiftesten Magnetfusionskonzepte und unterscheidet sich vom bekannteren Tokamak-Design durch seine komplexere, aber potenziell stabilere Magnetgeometrie.
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Die Entscheidung, ausgerechnet ehemalige Kernkraftwerksstandorte für Fusionsprojekte zu nutzen, ist symbolträchtig. Deutschland hatte nach Fukushima als eine der ersten großen Industrienationen den vollständigen Atomausstieg beschlossen – ein politisch und gesellschaftlich heiß diskutierter Schritt. Nun könnten dieselben Standorte, die einst für konventionelle Kernspaltung genutzt wurden, zur Keimzelle einer völlig neuen Energietechnologie werden.
Beide Projekte gelten als Hochrisikoinvestitionen. Die Fusionsenergie verspricht seit Jahrzehnten eine Revolution in der Energieversorgung, doch die technischen Hürden sind enorm. Dennoch wächst weltweit das Interesse und die Investitionsbereitschaft in diesem Sektor – auch weil der Klimawandel den Druck auf die Entwicklung emissionsfreier Energiequellen erhöht. Ob Deutschland mit seiner Doppelstrategie aus Laser- und Magnetfusion eine Vorreiterrolle einnehmen kann, bleibt abzuwarten.


