Ausbildung im Wandel: Wie Technologie traditionelles Handwerk neu definiert
Moderne Ausbildungsberufe verbinden 3D-Druck und CAD mit klassischem Handwerk – und steigen dabei in der Bildungswertschöpfungskette auf.

Ollie Priestley macht keine gewöhnliche Kfz-Ausbildung. Der 29-Jährige aus Leicestershire absolviert beim Spezialrestaurierungsbetrieb Tolman eine Ausbildung zum „Heritage Vehicle Technician" – einem Techniker für historische Fahrzeuge. Dabei erlernt er eine Kombination aus traditionellen Handwerkstechniken und modernsten digitalen Werkzeugen, die den Beruf des Fahrzeugrestaurators grundlegend verändert.
Zum Lehrplan gehören computergestütztes Design (CAD), 3D-Druck sowie das Verständnis elektronischer Steuergeräte. „Ich wollte die Fähigkeiten entwickeln, die es mir ermöglichen, an den Autos zu arbeiten, die ich liebe und die mich begeistern, wie den Peugeot 205 GTi", sagt Priestley. „Zu lernen, wie man Dinge herstellt, hält mich konzentriert und motiviert. Ich habe gerade eine Getriebehalterung für einen klassischen BMW gefertigt. Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass die Dinge, die ich erschaffe, das Auto wieder zum Leben erwecken."
Handwerk versus Montage: Ein wachsender Unterschied
Chris Tolman, Gründer des in Warwickshire ansässigen Unternehmens, sieht in dieser Ausbildung einen klaren Vorteil gegenüber klassischen Kfz-Ausbildungen. Er erklärt, dass Auszubildende in herkömmlichen Autohäusern durch den Einsatz digitaler Werkzeuge zunehmend zu „reinen Monteuren" werden. „Der Computer identifiziert das Problem, und sie tauschen das Teil aus", so Tolman. „In spezialisierten Kfz-Betrieben müssen unsere Techniker ein Problem erkennen und verstehen und dann kreativ und innovativ sein, um die Lösung zu finden."
Diese Unterscheidung trifft einen Nerv in der aktuellen Debatte über die Zukunft handwerklicher Ausbildungen. Denn je stärker Technologie in den Lehrplan einzieht, desto drängender wird die Frage: Lernen Auszubildende heute nur noch die Bedienung von Software – auf Kosten echter handwerklicher Fähigkeiten?
Die dreijährige Ausbildung, die Priestley über die Heritage Skills Academy (HSA) in Bicester absolviert, wurde 2018 eingeführt. Sie integriert neben essenziellen Fertigkeiten wie Schweißen und Verglasen auch 3D-Druck, CAD und weitere digitale Kompetenzen. Die Ausbildung ist auf Stufe drei eingestuft – das entspricht dem Niveau von drei britischen A-Levels, also in etwa dem deutschen Abitur. Damit ersetzt sie die bisherige „Classic Vehicle Framework"-Ausbildung der Stufen zwei und drei.
Ausbildungen rücken in der Bildungshierarchie nach oben
John Pitchforth, Geschäftsführer der HSA, beschreibt das Programm als „radikal verbessert", da es „moderne Technologie mit den Grundlagen des Ingenieurwesens" verbinde. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in aktuellen Regierungsdaten zur Berufsausbildung wider. Demnach ist die Zahl der Personen, die eine Ausbildung der Stufe zwei – vergleichbar mit einem mittleren Bildungsabschluss – beginnen, im vergangenen Jahr um fast ein Viertel gesunken. Gleichzeitig gewinnen Ausbildungen auf höherem Niveau, den Stufen vier bis sieben, an Bedeutung. Die Stufen sechs und sieben entsprechen dabei einem Bachelor- beziehungsweise Master-Abschluss.
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Zur AktienanalyseDie Zahlen für Ausbildungen der Stufe drei sind hingegen stabil geblieben. Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant: Auch hierzulande steht das duale Ausbildungssystem vor der Herausforderung, digitale Kompetenzen stärker zu integrieren, ohne dabei das klassische Handwerk zu vernachlässigen. Das Beispiel der Heritage Skills Academy zeigt, dass beides möglich ist – wenn der Lehrplan konsequent weiterentwickelt wird.
Das Modell von Tolman und der HSA verdeutlicht, wohin die Reise gehen könnte: Ausbildungsberufe, die technologisches Know-how mit echtem handwerklichem Können verbinden, könnten künftig gefragter sein denn je – und gleichzeitig attraktiver für junge Menschen, die mehr wollen als das bloße Austauschen von Teilen nach Computeranweisung.


