Fachkräfte-Abwanderung: Deutsche Auto-Ingenieure in China sehr gefragt
Immer mehr qualifizierte Deutsche zieht es ins Ausland – Experte Sultan Waraich erklärt die Hintergründe und Folgen für den Standort Deutschland.

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einem strukturellen Problem: Immer mehr gut ausgebildete Fachkräfte denken ernsthaft über einen Job im Ausland nach. Laut Sultan Waraich, Experte für internationale Arbeitsmärkte, hat das Thema 2026 so viel Aufmerksamkeit erhalten wie in den vergangenen Jahren nicht. Früher schaute ein Ingenieur aus Hamburg vielleicht nach München oder Berlin – heute ist der Blick deutlich weiter gefasst.
Die Digitalisierung, beschleunigt durch die Corona-Pandemie, hat diesen Wandel maßgeblich vorangetrieben. Remote-Arbeit und die damit verbundene Flexibilität haben den Horizont vieler Arbeitnehmer erweitert. Wer einmal erlebt hat, dass der Job auch von einem anderen Land aus funktioniert, denkt schnell über einen dauerhaften Wechsel nach.
Kaufkraft und Lebensqualität als entscheidende Faktoren
Waraich betont, dass es beim Thema Abwanderung vor allem um Kaufkraft geht. Deutsche Fachkräfte verdienen zwar gut – doch die entscheidende Frage lautet: Was lässt sich mit dem Haushaltsnettoeinkommen tatsächlich leisten? Steigende Energie- und Mobilitätskosten fressen einen wachsenden Teil des Einkommens auf. Wer im Ausland gelebt oder gereist hat, stellt oft fest, dass die Lebensqualität mit demselben Geld anderswo deutlich höher sein kann.
Hinzu kommt ein genereller Wertewandel, besonders bei jüngeren Generationen. Arbeit allein reicht nicht mehr als Lebensinhalt – gefragt sind Perspektiven, Freizeitqualität und ein funktionierendes Umfeld. Social Media macht dabei sichtbar, was in anderen Ländern möglich ist, und senkt die Hemmschwelle für den Schritt ins Ausland.
Besonders betroffen sind laut Waraich drei Berufsgruppen: Ingenieure aus der Automobilindustrie, IT-Spezialisten und Unternehmer. Gerade in der Automotive-Branche gab es zuletzt eine deutliche Bewegung Richtung China, wo intensiv um deutsche Ingenieure geworben wird. Noch gravierender ist die Abwanderung von Unternehmern – denn mit ihnen verschwinden unter Umständen ganze Belegschaften und damit zahlreiche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.
Beliebte Zielländer: Von der Schweiz bis zu den Emiraten
Die gefragtesten Zielländer sind vielfältig. In Europa führen Portugal und Italien – nicht zuletzt wegen steuerlicher Vergünstigungen. Die Schweiz bleibt ein Klassiker, da sie geografische Nähe zu Deutschland mit deutlichen Vorteilen bei Steuern und Lebensqualität verbindet. International sind die Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Singapur besonders attraktiv.
Was den Schritt ins Ausland erleichtert: Viele Zielländer und Unternehmen schnüren umfassende Pakete. Dazu gehören nicht nur deutliche Gehaltssprünge, sondern auch Unterstützung bei der Wohnungssuche, Kindergartenplätze, internationale Schulen mit deutschem Unterricht und die Übernahme von Visa-Prozessen. Die Hürde für einen Umzug sinkt damit erheblich.
Was Arbeitgeber und Politik tun können
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Zur AktienanalyseWaraich sieht sowohl Unternehmen als auch die Politik in der Pflicht. Arbeitgeber müssten die Attraktivität des internationalen Marktes verstehen und Gegenangebote entwickeln – individuell zugeschnitten auf die jeweilige Branche. In digitalen Berufen könnten flexible Modelle wie Workation helfen. In der Pflege hingegen gehe es vor allem um eine bessere Vergütung, die tatsächlich beim Mitarbeiter ankommt.
Von der Politik fordert Waraich vor allem eines: Wirtschaftswachstum und attraktivere Arbeitsbedingungen. Arbeit müsse sich wieder lohnen – durch bessere Infrastruktur, weniger Bürokratie und echte Perspektiven. Pläne zur stärkeren Besteuerung von Gutverdienern sieht er kritisch: Strategisch klüger wäre es, Bürger langfristig zu entlasten, statt die Steuerlast weiter zu erhöhen.
Das Beispiel der Mediziner, die seit Jahren in die Schweiz oder nach Skandinavien abwandern, zeigt, wohin die Reise führen kann, wenn Deutschland nicht gegensteuert. Waraich ist überzeugt: Deutschland ist nicht schlecht – aber andere Länder haben deutlich aufgeholt und sind in vielen Bereichen vorbeigezogen.


