Elektrifizierung und KI: Wer zahlt die Billionen-Rechnung Europas?
Goldman Sachs analysiert, wer die enormen Investitionskosten für Europas Energiewende und KI-Infrastruktur tragen wird.

Europa steht vor einer gewaltigen Investitionsaufgabe: Zwischen €2,2 Billionen und €3,5 Billionen werden in den nächsten zehn Jahren benötigt, um das Stromsystem für Elektrifizierung und Künstliche Intelligenz fit zu machen. Das geht aus einer Analyse von Goldman Sachs hervor. Die entscheidende Frage dabei lautet: Wer trägt diese Last – und in welchem Ausmaß?
Die Antwort fällt laut Goldman Sachs überraschend moderat aus. Im Basisszenario – das eine langsamere Entwicklung von Rechenzentren und verfehlte EU-Elektrifizierungsziele einkalkuliert – steigen die Stromrechnungen in der EU und im Vereinigten Königreich bis 2035 um lediglich rund 2% jährlich. Selbst im optimistischeren Szenario mit schnellerem Ausbau von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und KI-Infrastruktur liegt das jährliche Wachstum bei 4%. Beide Werte bleiben damit deutlich unter dem durchschnittlichen Anstieg von 5%, den europäische Haushalte im vergangenen Jahrzehnt bereits verkraften mussten.
Warum die Kostensteigerungen begrenzt bleiben
Ein wesentlicher Grund für die gedämpfte Kostenentwicklung liegt in der Struktur der geplanten Investitionen selbst. Goldman Sachs schätzt, dass rund 35% bis 40% der geplanten Investitionsausgaben kaum inflationäre Auswirkungen haben oder die Kosten sogar senken werden. Netzinstandhaltung gehört zur ersten Kategorie, während neue Onshore-Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien sogar preissenkend wirken könnten.
Hinzu kommt ein wichtiger ökonomischer Effekt: Ein höherer Stromverbrauch verteilt die fixen Netzkosten auf eine breitere Kundenbasis. Die steigende Nachfrage durch Rechenzentren, Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen, Klimaanlagen und Industriekessel könnte die Netzentgelte pro verbrauchter Einheit Strom damit effektiv senken.
Große regionale Unterschiede in Europa
Nicht alle europäischen Länder sind gleich betroffen. Im Vereinigten Königreich und in Deutschland könnten die jährlichen Steigerungen der Stromrechnungen zwischen 5% und 8% erreichen – hauptsächlich bedingt durch höhere Netzinvestitionen. Für Deutschland wird dabei fiskalische Unterstützung erwartet, um die Auswirkungen auf die Verbraucher zu begrenzen.
Deutlich entspannter sieht die Lage für Italien und Spanien aus. Dort wird bis 2035 mit kaum veränderten Stromrechnungen gerechnet, gestützt durch ein langsameres Wachstum der Netzentgelte und sich normalisierende Großhandelspreise für Strom.
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Zur AktienanalyseSuperzyklus bei Branchengewinnen erwartet
Für Investoren bietet das Szenario interessante Perspektiven. Goldman Sachs prognostiziert, dass die massiven Investitionen im Stromsektor einen „Superzyklus" bei den Branchengewinnen auslösen werden. Für wichtige, mit „Buy" bewertete Unternehmen aus dem Bereich Versorgungsunternehmen und Anlagenbau wird bis 2030 ein durchschnittliches jährliches Gewinnwachstum von rund 14% erwartet. Versorgungsunternehmen und Anlagenbauer gelten damit als potenzielle Hauptprofiteure des Investitionsbooms.
Für Verbraucher könnte die vollständige Elektrifizierung des Haushalts langfristig sogar zu Einsparungen führen. Zwar würde der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf elektrische Heizungen und Elektromobilität den Stromverbrauch der Haushalte fast verdreifachen. Doch die wegfallenden Ausgaben für Benzin, Diesel und Gas könnten laut Goldman Sachs zu Gesamteinsparungen von rund 30% führen – das entspricht etwa €1.200 pro Familie und Jahr.


