Yellowstone-Effekt: Wie eine TV-Serie Bozeman veränderte
Die Erfolgsserie „Yellowstone" und die Pandemie haben Bozeman, Montana, in eine gespaltene Stadt verwandelt.

Die Stadt Bozeman im US-Bundesstaat Montana erlebt seit der Corona-Pandemie einen dramatischen Wandel. Die Bevölkerung wuchs um rund 20 Prozent – ein gewaltiger Sprung für eine Stadt, die 2019 noch weniger als 50.000 Einwohner zählte. Immobilienpreise explodierten, alteingesessene Bewohner wurden verdrängt, und ein tiefer sozioökonomischer Riss zieht sich durch die Gemeinschaft.
Mitverantwortlich für diesen Zustrom ist laut Experten der sogenannte „Yellowstone-Effekt". Die gleichnamige Erfolgsserie mit Kevin Costner schildert die Machtkämpfe zwischen einem Rancher-Patriarchen, seinen Kindern und Außenseitern in Montana – und lockte damit Tausende Zuschauer in den Bundesstaat. „Jeder in Montana glaubt, dass die Fernsehserie Yellowstone mit ihrer dramatischen Landschaft einen Einfluss auf den Immobilienmarkt hatte", sagt Jeff Michael, Direktor des Bureau of Business and Economic Research an der University of Montana.
Immobilienpreise stiegen um 40 Prozent
Doch die TV-Serie war nur ein Faktor. Montana zog bereits seit Jahren Konservative aus dem ganzen Land an – angezogen von rauem Individualismus, Eigenverantwortung und dem Fehlen von Umsatz-, Luxus- und Erbschaftssteuern. Als dann während der Pandemie viele Menschen „dem Covid-Chaos an der Ost- und Westküste entflohen", wie Mark Corner, Präsident des Maklerverbands Southwest Montana Realtors, es beschreibt, explodierten die Preise vollends. Makler und Eigentümer beobachteten, wie „unsere Immobilienwerte innerhalb von zwei Jahren um 40 Prozent sprangen", so Corner.
Lokale Käufer wurden systematisch durch Barangebote aus anderen Bundesstaaten überboten. So viele Menschen kauften Häuser unbesehen, dass der staatliche Maklerverband eigens ein neues Formular zur Offenlegung in seine Vertragsbibliothek aufnahm. Einzimmerwohnungen kosten heute 2.000 US-Dollar pro Monat oder mehr – für viele Einheimische schlicht unerschwinglich.
Das Stadtbild hat sich grundlegend verändert. Kleine lokale Unternehmen wichen exklusiven Steakhouses, High-End-Einzelhandelsketten und Läden, die maßgefertigte Cowboyhüte für Touristen verkaufen. Am Flughafen stehen laut Corner „an jedem beliebigen Tag 80 bis 100 Privatjets auf dem Rollfeld" – primär Gäste des exklusiven Yellowstone Clubs in Big Sky, rund eine Stunde südlich von Bozeman, wo Stars wie Justin Timberlake und Tom Brady Millionen-Dollar-Anwesen besitzen.
Bürgermeister mit 28 Jahren gewählt – auf Wohnungspolitik-Welle
Der gesellschaftliche Druck führte zu politischen Konsequenzen. Joey Morrison wurde im November 2023 im Alter von 28 Jahren zum Bürgermeister von Bozeman gewählt – mit einem Programm für bezahlbaren Wohnraum. Heute ist er 30 und lebt mit seiner Verlobten und zwei Mitbewohnern zusammen. Vor etwa zehn Jahren mietete er ein Zimmer in einem Doppelhaus für 333 US-Dollar; dasselbe Zimmer kostet heute 900 US-Dollar.
„Wir mussten mitansehen, wie sich unsere Mieten innerhalb von ein oder zwei Jahren verdoppelten oder verdreifachten", sagt Morrison. „Plötzlich ist jedes Café voll von Leuten, die an ihren Computern programmieren oder für eine Organisation arbeiten, die noch nie einen Fuß in den Bundesstaat Montana gesetzt hat." Seine Wahl sei ein klares Referendum über die Wohnungspolitik gewesen: „Es war wirklich diese riesige Protestwelle, die deutlich machte: Wir wollen, dass einer von uns uns im Rathaus vertritt."
Morrison war zuvor Gründungsmitglied von Bozeman Tenants United, einer Mietergewerkschaft, die inzwischen Bewohner von Mobilheimparks beim Streik unterstützt hat. Im Mai organisierten Bewohner zweier Mobilheimparks den ersten Mietstreik in Montana seit 50 Jahren – als Reaktion auf eine Erhöhung der monatlichen Stellplatzmiete um fast 100 US-Dollar.
Mobilheimbewohner kämpfen ums Überleben
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Zur AktienanalyseSara Folger, 73 Jahre alt und seit 17 Jahren Bewohnerin eines Mobilheimparks, steht sinnbildlich für die Lage vieler Einheimischer. Ihre Stellplatzmiete hat sich seit ihrem Einzug fast verdoppelt. Die ehemalige Verwalterin für städtische Zuschüsse arbeitet heute in Teilzeit bei Whole Foods – das 2023 als erste Filiale im Bundesstaat eröffnet wurde. „Es gibt hier so viele Menschen, für die dies die letzte Station ist", sagt Folger. „Sie haben keinen Ort, an den sie gehen können. Wo sollen sie hin?"
Der Park, in dem Folger lebt, wurde inzwischen verkauft und wird nun von einem Unternehmen aus Kalifornien verwaltet – das Schicksal der Bewohner ist ungewiss. Ben Moore, 35 Jahre alt und ebenfalls Bewohner des Parks, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Man kann ein Mobilheim, das seit 25 Jahren dort steht, nicht einfach bewegen. Es würde zerfallen. Das einzige Eigenkapital, das ich besitze, steckt in diesem Mobilheim."
Viele Hausbesitzer haben verkauft, Kasse gemacht und den Bundesstaat verlassen. Verbliebene Mieter arbeiten zwei bis drei Jobs oder leben in Wohngemeinschaften. Einige Paare schieben laut Bürgermeister Morrison sogar den Kinderwunsch auf. Der rasante Wandel Bozemans zeigt, wie Medienkultur, Steuerpolitik und Pandemie-Flucht gemeinsam eine ganze Stadt umformen können – und welchen Preis die Ärmsten dafür zahlen.


