Größte Genstudie klassifiziert 14 psychiatrische Störungen in fünf Gruppen
Ein internationales Forscherkonsortium hat in der bislang größten Studie ihrer Art psychiatrische Erkrankungen genetisch neu geordnet.

In der größten Studie ihrer Art hat ein internationales Forscherkonsortium häufige genetische Varianten bei 14 psychiatrischen Erkrankungen verglichen und diese in fünf Hauptgruppen klassifiziert. Die Ergebnisse wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Die Studie liefert erstmals einen umfassenden genetischen Überblick über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen weit verbreiteten psychischen Erkrankungen.
Psychiatrische Störungen haben multifaktorielle Ursachen, wobei die Genetik einen wesentlichen Anteil erklären kann. Dennoch basiert die Diagnose bis heute ausschließlich auf klinischer Bewertung. „Psychiatrische Störungen haben gemeinsame Symptome, was die Diagnose erschwert, da diese immer noch ausschließlich auf klinischer Bewertung basiert", erklärt Diego Luiz Rovaris, Professor am Institut für Biomedizinische Wissenschaften der Universität São Paulo (ICB-USP). Die neue Studie zeige aus genetischer Sicht, was Kliniker bereits beobachtet hätten – etwa dass Schizophrenie und bipolare Störungen biologisch ein Kontinuum darstellen können.
Die fünf genetischen Hauptgruppen im Überblick
Die Forscher identifizierten fünf sogenannte Faktoren, die jeweils Erkrankungen mit gemeinsamen genetischen Varianten bündeln. Faktor 1 umfasst Zwangsstörungen wie Anorexia nervosa, Zwangsstörungen (OCD) sowie das Tourette-Syndrom und Angststörungen. Faktor 2 wird durch Schizophrenie und bipolare Störungen definiert, die unter anderem die Genexpression in exzitatorischen Neuronen und in Hirnregionen teilen, die an der Realitätsverarbeitung beteiligt sind. Bemerkenswert: 80 Prozent der genetischen Varianten werden zwischen diesen beiden Erkrankungen geteilt.
Faktor 3 ist mit der Neuroentwicklung verknüpft und umfasst die Autismus-Spektrum-Störung (ASD), die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie in moderatem Maße das Tourette-Syndrom. Dieser Faktor lässt sich weitgehend durch Gene erklären, die sich sehr früh in der Gehirnentwicklung exprimieren. Rovaris war bereits 2023 Teil der Gruppe, die die Entdeckung von 76 ADHS-bezogenen Genen in Nature Genetics veröffentlichte.
Faktor 4 umfasst internalisierende Zustände wie Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD). Besonders auffällig: Die am stärksten exprimierten Gene in dieser Gruppe stehen nicht mit Neuronen, sondern mit Gliazellen – den Stützzellen des Gehirns – in Verbindung. Dies deutet darauf hin, dass Depressionen und Angstzustände enger mit der Aufrechterhaltung der Gehirninfrastruktur verknüpft sind als mit der neuronalen Signalübertragung.
Substanzmissbrauch und der übergreifende P-Faktor
Faktor 5 bezieht sich auf Substanzmissbrauch, einschließlich Alkohol-, Nikotin-, Cannabis- und Opioidabhängigkeit. In diesem Faktor wurden Varianten in Genen gefunden, die das Enzym zum Alkoholabbau sowie die auf Nikotin reagierenden Rezeptoren kodieren. Dieser Faktor war am stärksten mit sozioökonomischen Indikatoren wie Einkommen und kognitiven Fähigkeiten assoziiert, was auf eine engere Verknüpfung mit Umweltfaktoren hindeutet.
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Zur AktienanalyseDie Forscher entdeckten zudem den sogenannten P-Faktor – eine Gruppe genetischer Varianten, die mit allen 14 analysierten Erkrankungen in Verbindung stehen. Von allen untersuchten Erkrankungen weist das Tourette-Syndrom die geringsten genetischen Gemeinsamkeiten mit anderen Störungen auf: 87 Prozent seiner genetischen Merkmale sind spezifisch für diese Erkrankung.
Die Studie untersuchte ausschließlich häufige genetische Varianten, sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNPs). „Unser Genom weist seltene und häufige genetische Varianten auf. Diese Studie untersuchte nur die häufigen, genauer gesagt Einzelnukleotid-Polymorphismen. Dies ist eine Kategorie von Varianten mit großen Auswirkungen auf multifaktorielle Erkrankungen wie psychiatrische Zustände", erklärt Sintia Belangero, Professorin an der São Paulo School of Medicine der Bundesuniversität von São Paulo (EPM-UNIFESP). Belangero war bereits 2022 an der Entdeckung von mehr als 100 Schizophrenie-assoziierten Genen beteiligt, die ebenfalls in Nature veröffentlicht wurde.
Für die psychiatrische Forschung und letztlich auch für die klinische Praxis könnten diese Erkenntnisse langfristig bedeutsam sein. Eine genetisch fundierte Klassifikation psychischer Erkrankungen könnte künftig dazu beitragen, Diagnosen zu präzisieren und gezieltere Behandlungsansätze zu entwickeln – ein wichtiger Schritt hin zu einer personalisierten Medizin auch in der Psychiatrie.


