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Großer Vermögenstransfer: 36 oder 100 Billionen Dollar für Erben?

Zwei Studien liefern dramatisch unterschiedliche Schätzungen – und entfachen eine Debatte über das größte Erbe der Geschichte.

Großer Vermögenstransfer: 36 oder 100 Billionen Dollar für Erben?

Wie viel Vermögen werden die Babyboomer tatsächlich an die nächste Generation weitergeben? Zwei neue Studien kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen und sorgen damit für Aufsehen in der Finanzwelt. Während das Marktforschungsunternehmen Cerulli Associates den sogenannten „Großen Vermögenstransfer" auf über 105 Billionen US-Dollar bis 2048 beziffert, kommt Visa Business and Economic Insights in einer neuen Analyse auf lediglich 36 Billionen Dollar – allein von den Babyboomern in den nächsten 20 Jahren.

Die Lücke von mehr als 60 Billionen Dollar zwischen den beiden Studien hat neue Fragen über das tatsächliche Ausmaß und die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses historischen Generationenwechsels aufgeworfen. Einige Experten sprechen vom größten Vermögenstransfer der Geschichte, der Vermögensverwaltung, Wohltätigkeit und die globale Vermögenslandschaft dramatisch verändern werde. Andere sehen darin lediglich eine Fortsetzung langfristiger Erbschaftstrends ohne revolutionäre Wirkung.

Unterschiedliche Methoden, unterschiedliche Ergebnisse

Der entscheidende Unterschied liegt in der Methodik beider Studien. Cerulli, ein auf Finanzmärkte spezialisiertes Forschungsunternehmen, betrachtet alle Vermögensübertragungen aller Generationen bis zum Jahr 2048 – einschließlich der älteren „Silent Generation" sowie der Generation X, die heute zwischen 46 und 61 Jahre alt ist. Visa hingegen konzentriert sich ausschließlich auf das Vermögen der Babyboomer und dessen Weitergabe innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte.

Als Kreditkartenzahlungsunternehmen interessiert Visa dabei vor allem, wie viel des geerbten Vermögens tatsächlich von alltäglichen amerikanischen Konsumenten ausgegeben wird. Cerulli hingegen erfasst das gesamte transferierte Vermögen – inklusive des überproportional großen Anteils der Ultrareichen.

So rechnet Visa

Visa-Chefökonom Wayne Best erläuterte die Berechnungsmethode seines Unternehmens. Ausgangspunkt ist das Gesamtvermögen der heutigen Babyboomer, das auf rund 93 Billionen Dollar geschätzt wird. Davon zog Visa zunächst Verbindlichkeiten wie Hypothekenschulden in Höhe von 5 Billionen Dollar ab. Anschließend wurde das Vermögen der obersten 1 Prozent – also jener mit einem Nettovermögen von mindestens 12 Millionen Dollar – in Höhe von 28 Billionen Dollar herausgerechnet.

Best begründete diesen Schritt mit dem grundlegend anderen Konsumverhalten der Superreichen: „Sie geben ihr Geld nicht wie der Rest von uns aus. Sie kaufen Yachten und Flugzeuge. Das ist alles gut für die Wirtschaft, aber das ist nicht das, woran der Durchschnittsbürger wirklich denkt." Zusätzlich zog Visa 16 Billionen Dollar für Ruhestandsausgaben der Boomer ab – denn diese Generation lebt länger und gibt im Alter mehr aus als frühere Generationen. Weitere 8 Billionen Dollar entfallen auf Steuern und Wohltätigkeit.

Das Ergebnis: Von den ursprünglichen 93 Billionen Dollar verbleiben laut Visa nur 36 Billionen Dollar, die tatsächlich an Erben weitergegeben werden. Davon fließen schätzungsweise 28 Billionen Dollar in Ersparnisse und Investitionen, während 8 Billionen Dollar in den Konsum fließen – hauptsächlich für Autos, Immobilien, Reisen und den Einzelhandel.

Bedeutung für Vermögensverwalter

„Wir wollten untersuchen, wie viel Geld tatsächlich ausgegeben wird", erklärte Best. „Viele Leute denken an die 93 oder 124 Billionen Dollar und glauben: ‚All dieses Geld wird für Konsum zur Verfügung stehen; das wird unglaublich sein.' Deshalb haben wir diesen schrittweisen Prozess durchlaufen." Und auch wenn 36 Billionen Dollar weit weniger klingt als 105 Billionen: „Wissen Sie, 8 Billionen Dollar an Ausgaben sind nicht zu verachten. Es ist eine beträchtliche Summe Geld."

Die gegensätzlichen Zahlen verdeutlichen, wie wichtig diese Schätzungen für die Finanzbranche geworden sind. Vermögensverwalter und andere Unternehmen strukturieren ihre Geschäftsmodelle bereits um, um sich auf die nächste Generation von Wohlstand vorzubereiten. Für deutsche Privatanleger und Finanzdienstleister ist die Debatte ebenfalls relevant: Auch in Europa steht ein massiver intergenerationeller Vermögenstransfer bevor, dessen genaues Ausmaß ähnlich schwer zu beziffern ist wie in den USA.

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