Gary Stevenson: War er wirklich Citis profitabelster Händler?
Neue Zeugenaussagen werfen erneut Fragen über die Handelsleistung des bekannten Wirtschaftsaktivisten bei der Citibank auf.

Gary Stevenson, ehemaliger Devisenhändler bei der Citibank und heute bekannter Wirtschaftsaktivisit mit über 1,6 Millionen YouTube-Abonnenten, steht erneut im Mittelpunkt einer Kontroverse. Die Financial Times hat ihre Recherchen zu seiner zentralen Behauptung vertieft, er sei „Citibanks profitabelster Händler auf der ganzen Welt" gewesen – und das Bild, das sich ergibt, ist deutlich nuancierter als bisher bekannt.
Stevenson, der in der Arbeiterklasse im Londoner Stadtteil Ilford aufwuchs und an der London School of Economics Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studierte, hat seine Karriere als Händler zum Fundament seiner öffentlichen Glaubwürdigkeit gemacht. In seinen Memoiren „The Trading Game" schildert er, wie er 2011 für die Citibank 35 Millionen US-Dollar erwirtschaftete – indem er gegen den Konsens wettete und darauf setzte, dass die Zentralbanken die Leitzinsen aufgrund schwachen Wirtschaftswachstums niedrig halten würden. Diesen Erfolg bezeichnet er als Beweis dafür, dass er der profitabelste Händler der gesamten Bank war.
Die ursprünglichen Vorwürfe und ihre Grundlage
Bereits 2024 hatte FT Alphaville acht ehemalige Citigroup-Händler befragt, die Stevensons Anspruch in Zweifel zogen. Darunter war auch Jeff Feig, der ein Jahrzehnt lang globaler Leiter des Devisenhandels bei Citi und damit Stevensons oberster Vorgesetzter war. Feig erklärte, dass die Bank kein bankweites Ranking der Händlerrentabilität über alle Abteilungen hinweg erstellt habe. Das digitale Rankingsystem, das Feig entwickelte und das Stevenson in seinem Buch erwähnt, erlaubte Junior-Händlern lediglich, die Performance ihres unmittelbaren Teams einzusehen. Selbst für Desk-Leiter mit breiterem Datenzugang deckte es nur Händler mit Währungen entwickelter Märkte ab – nicht das umfangreiche Schwellenländer-Devisengeschäft der Bank.
Ein weiterer ehemaliger Vorgesetzter Stevensons ging noch weiter und erklärte, der junge Händler sei „nicht einmal annähernd" daran gewesen, den höchsten Gewinn am STIRT-Desk (Short-Term Interest Rate Trading) im Jahr 2011 zu verbuchen. Stevenson selbst hatte seine Behauptung in einem späteren Interview noch präzisiert und erklärt, er sei „die Nummer eins, der profitabelste Händler im Bereich Foreign Exchange and Global Markets bei Citibank im Jahr 2011" gewesen – also nicht nur im Devisenbereich, sondern über alle Handelsdesks weltweit, einschließlich Rohstoffe, Aktien und Anleihen.
Neue Quellen zeichnen differenzierteres Bild
Nun hat die FT mit zwei weiteren ehemaligen Citi-Mitarbeitern gesprochen, die ein differenzierteres Bild zeichnen. Ein ehemaliger Händler, der sich nach der Erstveröffentlichung meldete, erklärte, Stevenson habe „in einem Jahr tatsächlich das meiste Geld im STIRT-Bereich verdient, und höchstwahrscheinlich auch im G10-Devisenhandel". G10 bezeichnet die zehn meistgehandelten Währungen der Welt, darunter US-Dollar, Euro und Pfund Sterling – ein bedeutendes, aber nicht das gesamte Devisensegment einer Großbank.
Dieser Zeuge schränkte jedoch ein, dass Stevenson angesichts des umfangreichen Schwellenländer-Devisengeschäfts von Citi damit nicht zwangsläufig der profitabelste Devisenhändler des gesamten Jahres gewesen sei. Einige der ursprünglich zitierten Kollegen seien seinerseits „etwas zu weit gegangen", als sie seine Handelsbilanz schlechtmachten – so die Einschätzung der neuen Quellen.
Stevenson und die öffentliche Debatte
Trotz der anhaltenden Kontroverse um seine Handelsvergangenheit hat Stevensons Aufstieg in der Öffentlichkeit nicht gelitten. Sein Buch wurde zum Bestseller, sein YouTube-Kanal „Gary's Economics" zählt über 1,6 Millionen Abonnenten. Stevenson, der sich bei den jüngsten britischen Kommunalwahlen für die Green Party aussprach, setzt sich für eine Vermögenssteuer von zwei Prozent auf alle Vermögenswerte über zehn Millionen Pfund ein, um mehr Einnahmen für öffentliche Ausgaben zu generieren.
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Zur AktienanalyseAnfang Juli trat er in einer Channel-4-Dokumentation mit dem Titel „How to Get Filthy Rich With Gary Stevenson" auf, die jedoch ein geteiltes Echo hervorrief. Die Fernsehkritikerin des Guardian, Lucy Mangan, bezeichnete die Sendung als „Peinlichkeit" und attestierte Stevenson eine „adoleszente Selbstgefälligkeit, die auf dem Bildschirm schlecht rüberkommt" – bemerkenswert, da der Guardian zuvor mehrere bewundernde Artikel über ihn veröffentlicht hatte.
Als der FT-Journalist Stevenson zufällig vor einem Pub in Clerkenwell traf und ihn auf die Kontroverse ansprach, reagierte dieser aufgebracht. Stevenson warf dem Journalisten vor, unethisch gehandelt zu haben, indem er „aus persönlicher Feindseligkeit" handelnde ehemalige Kollegen zitiert habe. Er bestand darauf, dass eine „Tabelle" existiere, die seine Spitzenposition belege. Zum Abschluss des Gesprächs erklärte er, der Journalist versuche, jemanden zu Fall zu bringen, der „die Wirtschaft rettet".
Die Frage, ob Stevenson tatsächlich der profitabelste Händler der gesamten Citibank war oder „nur" der erfolgreichste im G10-Devisenhandel, bleibt damit weiterhin ungeklärt. Klar ist jedoch: Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen seinen eigenen weitreichenden Behauptungen und den schärfsten Einwänden seiner Kritiker liegen.


